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Polen

Konzertreise nach Dzialdowo

Pünktlich standen 70 Chormitglieder und ihre Eltern um 22:30 Uhr an der Modellschule Obersberg, doch begann unsere Fahrt nicht ganz so pünktlich wie geplant. Dies kann unter anderem daran gelegen haben, dass Philipp, junge und wichtige Verstärkung unseres Tenors, Geburtstag hatte und der ganze Chor ihm mit einem Ständchen gratulieren wollte. Ein Alter, bei dem „Mann“ an jedem Geburtstag noch nicht alt genug wird.


Um 23:30 Uhr konnte es dann wirklich losgehen, nachdem zur Sicherheit schon beim Einsteigen in den Bus die Pässe kontrolliert wurden. Im Bus wurde es auch schnell sehr still, da es eine allgemein beliebte Busfahrerpraxis sein muss, die Klimaanlage voll aufzudrehen. Je heißer und stickiger es wurde, desto ruhiger und müder wurden wir und bekamen den Grenzübergang gar nicht mit. Doch dank der „Osterweiterung“ fanden die polnischen Grenzbeamten uns und unsere Pässe auch vollkommen uninteressant.

Falls mancher die Straßenverhältnisse und Verkehrsführungen in Polen vergessen haben sollte oder noch nicht in deren Genuss gekommen war, so wurde er doch recht schnell im Laufe des folgenden Tages daran erinnert…

Donnerstag 15.05.2008

In Polen sind Autobahnen eher selten anzutreffen und wenn, dann verlaufen sie nicht immer in die Richtung, in die man eigentlich fahren möchte. Wir verbrachten den gesamten Vormittag auf Polens Landstraßen und „zuckelten“ durch Dörfer und Orte, die uns bis dahin vollkommen unbekannt waren. Diese Straßen hatten die Eigenschaft nicht nur einspurig, sondern auch kurvenreich zu sein. Tankstellen säumten ebenfalls eher selten unseren Weg, wo doch Tankstellen und Rastplätze ein Muss auf jeder längeren Busfahrt sind. Wir mussten uns also damit begnügen, nur alle 3 Stunden den Bus zu verlassen und auf Toilette gehen zu können, eine Tatsache, die besonders für Mädchen schwer zu ertragen ist.

Somit waren 2 Pausen in 6 Stunden ein neuer Rekord, dem im Verlauf unserer Fahrt noch einige folgen sollten. Der erste kulturelle Höhepunkt dieses Tages sollte eigentlich eine Stadtführung um 13 Uhr durch Polens Hauptstadt Warschau sein, doch wieder kam der zeitlichen Einhaltung unseres Programms im buchstäblichen Sinne etwas in den Weg. Zuerst war eine Brücke in Breslau für unseren Doppeldeckerbus, auf den wir alle sehr stolz waren, zu niedrig. Dann hingen wir in Warschaus Rush-Hour fest und wurden während dem ständigen Stopp and Go sogar von Fußgängern überholt.

Mit einer Stunde Verspätung begann um 14 Uhr unsere Stadtführung durch eine Altstadt, die um einiges schöner war als wir erwartet hatten. Wir begannen unsere Besichtigung auf dem Schlossplatz, auf dem man Unicef Bären, die sämtliche Länder der UN repräsentieren sollten, nach dem Vorbild des Berliner Bären aufgestellt hatte. Der im Jahre 1370 erbaute Dom, der heute Sitz des obersten Kardinals der polnische Kirche ist, sowie die alte Stadtmauer waren ebenfalls Stationen unserer Tour.

An der Stadtmauer wurden wir auf eine Laterne hingewiesen, die, heute in einem eher unauffälligen Grau, unsere Gruppe zu einigen Witzen und unsere Stadtführerin zu einer Anekdote hinreißen ließ. Der örtliche Henker, so erfuhren wir, betrieb wohl als kleinen Nebenverdienst das Freudenhaus der Stadt und war somit nicht nur für die Bestrafung zänkischer Marktweiber verantwortlich. Diese wurden öffentlich in Käfige gesperrt, um sich zu beruhigen und gleichzeitig durch ihr Geschrei zur Volksbelustigung beizutragen. Eine Methode, die bei unserem Chorleiter nicht auf Abneigung stieß und unbedingt Thema dieses Berichts werden sollte, so Herr Meiß.

Auf dem Rückweg liefen wir an Häusern berühmter Persönlichkeiten wie Mme. Curie, der nobelpreisgekrönten Physiker- und Chemikerin, oder dem  deutschen Schriftsteller E.T.A. Hofmann vorbei, die uns schon im Unterricht des Öfteren begegnet waren.

Wieder im Bus, erwarteten uns weitere zwei Stunden Fahrt. Doch nun wurden wir durch Sprechgesänge aus den hinteren Sitzreihen unterhalten, deren Repertoire sich von „Trullala“ über „Biene Maja“ bis hin zu „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ erstreckte. So kam dann auch allmählich der See in Lidzbark in Sicht, an dessen Ufer und versteckt im Wald eine kleine Ferienanlage steht, die in den nächsten Tagen unser zu Hause sein sollte.

Wir bezogen unsere 6-bettigen Bungalows und machten uns dann auch schon sofort auf den auf den Weg zum Abendessen, das wir in den folgenden Tagen immer in einer Kantine am anderen Ende des Lagers bekamen. Hier wurden wir offiziell vom Schulleiter der polnischen Schule und dem Herbergsvater begrüßt.
Als endlich alle satt waren, hieß es: „zurück marsch, marsch“ und spätestens um 24 Uhr hatten alle in den Betten zu liegen.

Freitag 16.05.2008

Der Morgen begann für alle Chormitglieder gleich. Zwar war jeder Bungalow mit einem eigenen Bad ausgestattet, doch auf warmes Wasser warteten wir vergeblich. Eine gute Sache hatte das kalte Wasser dann doch. Wir waren alle wach und relativ munter, als wir uns nach dem Frühstück für den Gottesdienst, an dem die gesamte Schule teilnahm, und für das anschließende Konzert in der Turnhalle der Schule umzogen.

Auch heute kamen wir etwas verspätet an der Schule an und mussten uns schnell in die Prozession einreihen, die sich schon teilweise auf dem Weg zur Kirche befand. Der Gottesdienst dauerte 1 ½ Stunden und wurde somit zu einer echten Herausforderung für unsere evangelischen Chormitglieder, die weder mit der Zeremonie und dem Ritus noch dem ständigen Aufstehen und Hinsetzen vertraut waren.

Nach dem Gottesdienst machten wir uns auf einen schnellen Rückweg zur Schule, um noch einmal kurz proben zu können, doch für mehr als ein kleines Einsingen reichte es auch hier leider nicht mehr. Während des Festaktes saßen wir auf niedrigen Sportbänken und warteten auf unseren Auftritt. Das und die Tatsache, dass wir so gut wie kein Wort der Reden verstanden, zehrten an unserem Durchhaltevermögen.Für eine Abwechslung unserer Warterei bildete da ein traditioneller Tanz, der von Schülern aufgeführt wurde, die ungefähr in der sechsten Klasse waren. Unsere absoluten Favoriten waren ein kleiner Junge mit extravaganter Stachelfrisur und seine Tanzpartnerin.

Nun endlich folgte unser Auftritt, bei dem zu Beginn das aktuelle Chorbild überreicht wurde. Auch dieses Konzert kam gut an. Nach den Feierlichkeiten wurden wir zu zweit in Gastfamilien eingeteilt, mit denen wir den restlichen Tag verbrachten. Wir mussten feststellen, dass selbst Dzialdowo auch ein kleiner Ort ist, in dem wir ständig, selbst in den entlegensten Ecken, noch Chormitgliedern und ihren Gastgeschwistern über den Weg liefen.

Viele verbrachten den Tag mit Pizza oder Eis essen, doch am Abend trafen sich fast alle Jugendlichen in einer kleinen Disco wieder. Um 22 Uhr liefen wir alle gemeinsam zur Schule zurück, von wo wir mit dem Bus zu dem Restaurant fuhren, in dem auch die Lehrer sehr ausgelassen gefeiert haben müssen… In sehr ausgelassener Stimmung ging die Party noch eine Weile vor unseren Hütten am See weiter, aber um 01.00 Uhr war dann doch Bettruhe.

Samstag 17.05.2008

Nach den Feiern am Abend zuvor wurde unsere Frühstückszeit auf eine etwas humanere Zeit nach hinten verschoben und so erschienen wir, geweckt von der kalten Dusche, mehr oder weniger wach um 9:15 Uhr zum Frühstück. Danach machten wir uns auch gleich auf den Weg zum ca. drei Stunden Busfahrt entfernten Malbork, wo die Burganlage des Deutschritter Ordens steht. Auch diese Fahrt wurde, eigentlich wie jede Busfahrt und sei sie auch nur so kurz, für ein kleines Nickerchen zwischendurch genutzt.

Im Hof der Marienburg mussten wir, was bisher auf dieser Reise selten vorgekommen war und einen neuen Rekord bildete, auf unsere Burgführung warten. Und wir wären kein Chor, hätten wir diese kleine Pause nicht für eine paar Lieder genutzt. Wir standen also auf einem kleinen Vorplatz und sangen passend zum schönen Sommerwetter „In einer kleinen Konditorei“ oder „ Die Julishka“ und erfreuten damit nicht nur unsere polnischen Gastschüler, die uns an diesem Tag begleiteten, sondern auch einige Passanten.

Nach der Besichtigung kamen wir nicht umhin, noch ein paar Fotos vor der schönen Kulisse der Marienburg zu machen, für die sich unsere Lehrer sogar sportlich betätigen mussten, um uns alle zusammen mit den Polen auf ein Bild zu bekommen. In unserer Unterkunft wieder angekommen, nutzten wir die verbleibende Zeit noch für eine kurze, zweistündige Probe, um uns auf das bevorstehende Konzert am nächsten Morgen vorzubereiten. Auch hier wollten wir unseren polnischen Gästen eine kleine Freude machen und hatten zuvor extra zwei polnische Lieder einstudiert, deren Text es nun galt zu perfektionieren. Dabei stand uns der Herbergsvater unserer Unterkunft mit Rat und Tat zur Seite und es gab einen kleinen Exkurs in die polnische Sprache.

Sonntag 18.05.2008

Trotz allgemeiner Müdigkeit am folgenden Morgen konnte weder das Frühstück noch die Abfahrtszeit nach hinten verlegt werden, da wir um die Mittagszeit ein Konzert in der Kirche in Dzialdowo geben wollten und sowohl das Einsingen als auch eine kurze Probe dieses Mal nicht wieder entfallen durften. Somit trafen sich die leicht übermüdeten Chormitglieder um kurz vor 9 Uhr in der Kantine und wurden während dem Essen über das Programm des heutigen Tages informiert.

Wir sollten in unseren Festival-T-Shirts singen, die wir zu unserem großen internationalen Chor- und Orchesterfestival im Jahre 2006 bestellt und zu verschiedenen Gelegenheiten in Bad Hersfeld getragen hatten. Doch da einige diese entweder noch nicht besaßen, da sie nach 2006 in den Chor eingetreten waren, oder sie ihnen zu groß waren, wurde bis zur Abfahrt aus Lidsbark fleißig getauscht, um bei dem Konzert auch ja gut auszusehen.

Als wir an der Kirche in Dzialdowo ankamen, wurde dort noch der sonntägliche Gottesdienst gefeiert und so nutzen wir die Zeit und hatten das erste Mal auf dieser Konzertreise genügend Zeit noch einmal etwas ausgiebiger zu proben. Kaum war der Gottesdienst zu ende, zogen wir auch schon in einer Prozession durch den Haupteingang der Kirche ein und summten dabei „Santo, santo, santo“.

Obwohl der Pfarrer unser Konzert am Ende des Gottesdienstes angekündigt hatte, sorgte die Größe unseres Chors bei den Gottesdienstbesuchern zuerst für leichte Verwirrung. Unser Repertoire bestand aus deutschen Volksliedern, englischen Gospels und natürlich, wie konnte es anders sein, drei polnischen Liedern. Diese kamen von all unseren Liedern am Besten an und es wurde kräftig mitgesungen. Wir verstanden die Begeisterung unseres polnischen Publikums jedoch erst vollkommen, als uns der polnische Pfarrer erklärte, dass am 18. Mai der Geburtstag des toten Papstes Johannes Pauls II. gefeiert wurde, der Pole gewesen war und in Dialdowo besonders verehrt wurde, und unsere 3 Lieder somit ein Geburtstagsständchen waren, das ihm bestimmt gefallen hätte.

Nach dem Konzert begleitete der polnische Schulleiter uns nach Mlawka, einem Friedhof, auf dem gefallene deutsche Soldaten aus den beiden Weltkriegen bestattet waren. Dieser Friedhof wurde von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge betreut und von deutschen Jugendgruppen in den vergangenen Jahren gepflegt und oft besucht. Unser polnischer Gastschulleiter erklärte uns einige Hintergründe, die uns die Bedeutung dieses Friedhofes klar machten und bat uns, mit offenen Augen über dieses Mahnmal zu gehen. Tafeln mit deutschen Nachnamen, die auch in unserem Chor vertreten waren, regten uns zum Nachdenken an und ein Mädchen fand sogar den Namen eines im Krieg vermissten Familienmitgliedes.

Wieder zurück am See, neigte sich der Tag auch langsam wieder seinem Ende zu, doch ein Punkt stand doch noch auf unserem Programm. Obwohl es heftig zu regnen begonnen hatte, ließen es sich 20 Chormitglieder, u. a. unser Chorleiter Herr Meiß, nicht nehmen mit Tretbooten eine Runde über den See zu fahren. Wir wurden dabei zwar ordentlich nass, doch das hielt unsere Tretboot- Karawane nicht davon ab, mit Regenschirmen und Schwimmwesten bewaffnet den See zu erkunden. Für den Abend hatten die Polen einen DJ organisiert und ein Lagerfeuer vorbereiten lassen, das uns wieder aufwärmte.

Ein Teil des Chores tanzte zusammen mit den Polen auf der Tanzfläche der kleinen Disco, während der andere Teil sich am Lagerfeuer traf und ein paar Lieder sang. Dies sprach sich jedoch recht schnell herum und schon bald standen der gesamte Chor und unsere polnischen Gastgeber um das Feuer herum. Der deutsche Chor sang „Von guten Mächten“ oder „Oh Lord hear my prayer“ und sorgte für die typische Lagerfeuerstimmung mit Gänsehautfaktor. Auch dieser Tag ging in den frühen Stunden des folgenden Tages zu Ende.

Montag 19.05.2008

Am nächsten Morgen wurden die letzten Koffer gepackt, soweit das noch nicht am vorherigen Abend passiert war, und gemeinsam gingen wir ein letztes Mal sehr früh zur Kantine, da wir schon um 8 Uhr abfahren wollten. Wir beluden den Bus und machten es uns auf unseren Sitzen so bequem wie möglich, da uns die Hinfahrt noch all zu gut in Erinnerung geblieben war.

Unsere Abfahrt verzögerte sich auch dieses Mal um einige Minuten, aber um 8:45 Uhr verließen wir dann Lidzbark und unsere polnischen Gastgeber und machten uns müde und um viele Eindrücke reicher auf den Rückweg nach Deutschland. Langeweile drohte auch hier eher selten aufzukommen, da ständig irgendetwas los war. Erst kamen wir wieder in einen polnischen Stau, der uns aber im Gegensatz zur Hinfahrt nicht aus der Ruhe zu bringen im Stande war. Denn von den hinteren Bänken ertönte wieder ein kräftiges „Trullala“ und eine CD mit den Liedern aus dem neuen Hamburger Musical „Der König der Löwen“ motivierte uns zum Mitsingen.

Als auch diese beiden Zeitvertreibe zur Gänze ausgereizt waren, wurde eine DVD eingelegt, die uns aufs Neue beschäftigen sollte. Wen all diese „Entertainment- Angebote“ jedoch kalt ließen, etwas was bei der ständig ansteigenden Hitze ein echtes Kunststück war, der konnte sich durch ein kleines Nickerchen, das sich bei manchen zu einem ausgedehnten Mittagsschlaf ausweitete, anderweitig beschäftigen.

Irgendwo in Polen steuerten wir dann auch in altbekannter Konzertreisentradition eine Fast-Food-Kette an, die sich auch in Deutschland bei vielen Jugendlichen einer großen Beliebtheit erfreut und auch von unseren Chormitgliedern und ihren Lehrern immer wieder gerne auf unseren Reisen genutzt wird. Hier deckten wir uns mit Proviant ein, das bis hinter die polnische Grenze reichen musste.

Wieder in Deutschland konnten wir die Anzahl unserer Pausen um ein Vielfaches vergrößern und nutzen sie nicht nur, um auf die Toilette zu gehen, sondern hier und da auch mal, um ein kleines Eis zu essen. Begann unsere Konzertreise mit einiger Verzögerung, so bildete unsere Ankunft in Bad Hersfeld einen neuen Rekord, der von allen äußerst positiv zur Kenntnis genommen wurde. Pünktlich um 22 Uhr, wie zu Beginn festgelegt, ging unsere Konzertreise nach Polen mit der Ankunft in Bad Hersfeld zu Ende.